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KunstWechsel - Kunst im Wechsel.

Ursprünge in der Höhlenmalerei, der Venus von Willendorf - ägyptischer Perspektivenwechel - in Griechenland der Diskuswerfer und die Korinthischen Kapitelle -  in der Römerzeit überdimensionierte Repräsentation und  “horror vacui”, die Angst vor der leeren Fläche - Byzanz, Romanik, Gotik, Renaissance - die Erfindung der mathematisch konstruierten Perspektive - die Veränderung des geozentrischen Weltbildes ins heliozentrische -  christliche Vorstellungen und Glaubenskriege - der Künstler als Wissenschaftler, als Gelehrter und gottbegnadetes Genie - Leonardo,  Michelangelo,  Raffael,  Dürer,  Rembrandt - Barock, die künstlerische Idee vor der handwerklichen Ausführung - Schrift und Bild, Reproduktion und Überproduktion von Kunst - Revolution und Antikenbegeisterung und das verarmte Künstlergenie des 19. Jahrhunderts -  die €ž”verrückten, geistesgestörten” Impressionisten, und in der Folge, Kunst und Künstler, die sich visueller Gesetze “€žentsetzen”  - Sigmund Freud und die Psyche in und mit der Kunst -  und schließlich die Wellen an Kunst-Ismen, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts über uns hereingebrochen sind, - die aufzählen meine Laudatio sprengen würde. 

Mit diesem Zeitraffer will ich aufzeigen, wie der menschliche Geist im Wandel der Jahrmillionen aus einem ursprünglich “neuronalen Prozess”  etwas Sichtbares formt und damit das Bewusstsein über sich selbst und seine Umwelt wiedergibt: Eine immer wieder faszinierende und unglaubliche Leistung!

The times they are changin’
KunstWechsel

Menschen, die auf ihre Zeit, ihre Umwelt, auf politische Gegebenheiten und Umwälzungen sehr sensibel, wie Seismographen, reagieren, setzen diese “Erschütterungen” in bildnerischen Kontext um.

So auch die Mitglieder des Künstlerbunds Speyer

Winds of change - Höhlenmaler!

“€žWie lange noch?” stellt Nina Bußjäger mit ihrem Werk die brisante Frage. “€žNo more time” - Keine Zeit mehr, antwortet Reinhard Ader.

Perspektivwechsel, wechselnde Standpunkte und Sichtweisen: Farbrausch, Mischwesen, Minotaurus, Werkzeuge mit Schädeln und dann: - Porträts als Momentaufnahmen einer scheinbar stehen gebliebenen Zeit. Zeit als Dimension, kaum fassbar, zwischen ein paar Augenblicken des Daseins auf der Erde und der Unendlichkeit des Universums.
 
Ist der Farbrausch gleichzeitig eine Fragestellung an unsere heutige Zeit, an die “€žcontemporary art” mit ihren stürmischen Wetterkapriolen.
Leben wir drinnen oder sind wir draußen? Haben wir uns selbst hinauskatapultiert aus der wärmenden Höhle, aus der Raumkapsel, aus dem schützenden Mutterleib,  weil wir nicht anders können, als entdecken, wissen wollen, wie es um uns und unsere Umwelt steht, hinausgetrieben, wie aus “Platons Höhle”, um dann der schmerzhaften Erkenntnis ausgesetzt zu sein, dass das gleißende Licht des Wissens kaum zu ertragen ist?

Kunst im Wechsel: “Für 5 Minuten berühmt sein”.

Leben wir in einem Zeitalter des Nichts, der Illusion, des elektronischen Scheins, im flüchtigen Augenblick, der emotional kaum greifbar, nicht fassbar ist? Atmosphärische Wellenlängen, die in einer Wahnsinnswut zu einer Bilderflut, zu einer Parallelwelt sich aufblähen, in der uns mehr und mehr der Boden der Realität verloren geht oder gerade dies die Wirklichkeit unseres Daseins widerspiegelt: Eine wie auch immer geartete surreale Realität?

KunstWechsel

Die teilnehmenden Künstler dieser Ausstellung geben dazu keine Antworten -  im Gegenteil: In der Reichhaltigkeit der künstlerischen Erzeugnisse werden Fragen gestellt, die uns in Gedanken zurücklassen, in der Flut einer täglich ausgesetzten, kaum zu ertragenden Historie, zwischen Ironie und Sarkasmus, - umgesetzt in Zeichnung, Malerei, Fotografie und Skulptur.
Sehen wir uns die Ausstellung in diesen 5 Räumen der Villa Böhm als musikalische Aufführung an: Ein Werk aus Individualisten, von Künstlern, von denen jeder ein Instrument verkörpert, vom Schlagzeuger bis zum Flötisten, jeder seine, ihm eigene Melodie spielt, - die in dieser Gesamtschau zu einer Sinfonie, zu einer Komposition sich bildet.

In Raum 1 beginnen wir als Eingangsmelodie mit eher leisen, verhaltenen Gedanken, mit Aquarell und Papierschnitt, mit leichtem Farbklang und maritimen Landschaftsformationen, in die wir fast meditativ eintauchen können. Aber, schon gibt es eine “Störung”: Der Spiegel menschlicher Emotionen blitzt auf, und wird dann in Raum 2 weitergeführt: Nach dem scheinbar verträumten Entrée werden wir zum ersten Paukenschlag geleitet: Wir sehen eine “Nackte Europa” auf dem Stier sich räkelnd, nehmen Gestalten und Szenen wahr, - in unserem “kollektiven Gedächtnis” tief verankert -, denen wir seit Jahrtausenden ausgesetzt sind, die uns bedrängen, uns einholen, uns heimholen -  in unseren Träumen oder Alpträumen: Abbildungen von Mischwesen, antik und doch aktuell, Metapher für gesellschaftliche Zustände unserer Zeit.

Sie mündet in die große Frage nach dem “€žSein”, dem Da-Sein, der grundsätzlichen Frage nach der Berechtigung unserer, sich in sich selbst spiegelnden Psyche: Sind wir so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir das Drumherum nicht mehr wahrzunehmen im Stande sind? Das Symbol des Narzissten in einer bedrohlich wirkenden oder bedrohten Umwelt, die zu einer kaum fassbaren Umgebung einer akupunktierten Stoffpuppe mutiert.

Mit diesen sich widerstreitenden Gefühlen, dem Klangbild zwischen Antike und Moderne gelangen wir zu Raum 3, der uns zum eigentlichen Diskurs gegenwärtiger Kunst führt: Die diametrale Gegenüberstellung von Abstraktion und Gegenständlichkeit. Trotz dieser extremen Kontroverse in Darstellung und Form - hier: figurative Malerei, dort: ungegenständliche, auf Grundformen reduzierte Bildhauerei - gibt es Gemeinsamkeiten in der Auffassung: Gleichgewicht und Harmonie. Das ist sehr bemerkenswert, wenn man um den kaum lösbaren Widerspruch in der künstlerischen Auffassung weiß, den die Kunst seit Anfang des 20. Jahrhunderts schier zu zerreißen droht. Dazu Dimensionen zeitlicher Abläufe, die Brüchigkeit menschlicher Existenz, figurative Gestaltungen, die über die malerische und zeichnerische Gestik den Zustand äußerer Gegebenheiten und innerer Wahrnehmung befragen. Sind wir cool? In Harmonie verankert? Im Gleichgewicht? Paradies oder Sturm? Sind wir die akupunktierte Puppe oder ein Handelnder im Strom dieser Zeit, in dem wir schwimmen oder gegen dessen Strömung wir ankämpfen?

Der Dialog im Gegenüber unterschiedlichster Wahrnehmungen und Einstellungen führt uns zum Crescendo des 4. Raums:
Wie ein Klangspiel an unterschiedlichen Themen erscheinen uns Sukkubus und Minotaurus, - das Thema aus Raum 2 wird hier fotografisch neu erfasst -  wieder taucht die Seinsfrage auf, die Frage nach Liebe - und stehen dann der überhöhten Darstellung “der Frau” gegenüber: Hier beachte man die Spannweite innerhalb der Wiedergabe des “weiblichen Aktes” aus Raum 2, der Darstellung der “Nackten Europa” und dem hier vorgestellten weiblichen Bildnis, das aufzeigt, welche formalen wie inhaltlichen Gegensätze in der Formulierung künstlerischer Auffassungen grundsätzlich bestehen. Und weiter in Raum 4: die expressive Gefühlstimmung zwischen Kontemplation und Ekstase, Natur zwischen aufgewühlter Landschaft und dem Blues der Großstadt mit ihren Verästelungen und zu entdeckenden Lebensbereichen. Hier taucht im feinen Spiel der Zeichnung eine Stimmung auf, die uns fast aufatmen lässt.

Aber das Mischwesen, mit der ungewöhnlichen Komposition von einander fremd scheinenden Dingen, die erst im phantasievollen Denken “Sinn” ergeben -, diese surreale Skulptur führt uns zum 5. Raum, der diese “€žSinfonie” mit einem “finale furioso” enden lässt:
Der gestisch ausgeführte Duktus, der malerische Farbrausch übernimmt das Geschehen: Persönliche Empfindung und Computertechnik in kaum fassbarer Versöhnung. Unwirklich scheinende, skurrile Wesen und Göttinnen, - Wesen der Fantasie, der Mythologie und Literatur -, machen die Runde. Das, was nicht machbar scheint, wird im Surrealen sichtbar. Und klingt schließlich aus im Rhythmus des Blues, expressiv formuliert.

Liebe Anwesende, lassen Sie sich täuschen von der Illusion perspektivischer Darstellungen der Gewölbe christlicher Kirchen, vom Lächeln der Mona Lisa, vom vergangenen Glanz barocker Fürsten und deren Besitztümer, von perfekt malerisch wiedergegebenen Gegenständen und handwerklichem Können:

Vergessen Sie nicht: Kunst kommt nicht von “Können”,  sondern von “€žKünden”,  von der Idee, die den menschlichen Geist antreibt und das genau macht den KunstWechsel so interessant:


Hätte Goya sein Werk “€žDie Erschießung der Aufständischen”, nicht geschaffen, Monet nicht sein “€žImpression soleil levant”,  Picasso nicht seine “Demoiselles d’Avignon”, Otto Dix nicht sein “Großstadttryptichon”, Magritte nicht sein “Ceci n’est pas une pipe”, Dali nicht seine “Brennende Giraffe”, Beuys nicht sein “€žRudel aus Fett und Filz€“,  um nur einige wenige unserer Vorgänger zu nennen, an deren Tradition der künstlerischen Idee wir uns formen und reiben -  wo stünden wir heute?

KunstWechsel heißt auch, dass wir nicht nur in einer “künstlerischen Tradition”  stehen, die wir kennen und in deren Diskurs wir stehen, sondern wir auch im Wissen und Empfinden des Reichtums der Variationsbreite künstlerischer Erzeugnisse verankert sind, die wie rasende Asteroide um unsere Erde kreisen und hie und da mit großem Effekt einschlagen: Winds of change.

Wo stünden wir, hätten die Künstler des Künstlerbunds die Werke nicht geschaffen, die hier präsentiert werden? Hier in der Villa Böhm:

The times they are changin’


Reinhard Ader, September 2022